
Siggi, denn Totgesagte leben länger.
Siggi kam 2016 aus einem Tierheim zu uns. Sein Problem? Also er hatte keins, aber der Rest der Welt konnte eins haben. Sekundenschnell.
So geschah es, dass er eine Gassigeherin im Zwinger angriff, die seine gesammelten Näpfe aus seinem Körbchen holen wollte. Wieso er Näpfe gesammelt hat? Weil schwierige Hunde manchmal Sachen machen, Besitzansprüche stellen oder sich abnorm verhalten, um Reaktionen zu provozieren. Und die kam. Erst von der Gassigeherin, die davon ausging, eigentlich ein gutes Verhältnis zu ihm zu haben, und dann von Siggi, der sich völlig vergaß, als er sah, dass seine Schätze geraubt wurden. Andere Ehrenamtler haben ihn damals gerettet. Denn der Vorstand wollte ihn oder ggf. auch einfach das Tierheim vor ihm erlösen.
Verwunderlich? Eher nein. Siggi ist eine sehr wilde Mischung aus Bullterriern und anderen Großterriern. Er hat kein richtiges Downface, aber einen sehr, sehr starren Blick. Er bellt nicht, sondern kreischt. Und wenn man gerade noch denkt: „Ui, der ist aber schnell“, ist er gerade schon zu spät. Zwei Blutohren hatte er (da läuft durch starkes Schütteln oder die Ohren irgendwo gegenschlagen Blut zwischen Haut und Gewebe ein, staut sich und kann nicht weg – sowas wird in der Regel punktiert, um ein Ablaufen von Blut und Gewebeflüssigkeit zu ermöglichen). Bei Siggi kam es dazu, dass seine Ohrspitzen sich etwas zusammenzogen und verhärteten, sodass er sie nun wie Hörner trägt.
Als Siggi ankam, war er unverträglich und hatte einiges an zwanghaftem Verhalten. So zum Beispiel Schatten jagen, in Wasserpfützen springen und scharren, bis diese nur noch ein einziges Schlammloch waren, und Menschen, die durch Türen kamen, angreifen. Zurückgeblieben von all dem ist heute noch eine Futteraggression. Längst nicht mehr so ausgeprägt wie damals, als er einen für eine halbe, verweste Maus neben seinem Auslauf noch unter die Todesstrafe stellen wollte. Heute kreischt er eher Praktikanten und neue Pfleger von seinem Napf weg, wenn diese ihn zu lange anschauen … oder halt atmen.
In Atem gehalten hat er uns auch einige Male und einmal ganz besonders, als wir eine Großspende Decken und Kissen bekamen und diese an einem reichlich chaotischen Tag erstmal als riesigen Stapel im Flur abgelegt hatten. Siggi, der den Tag über munter mit durch die Küche getapert war, hier und da mal eine kleine Schlägerei angezettelt hatte und Leute von ihren Plätzen gestarrt hatte, wurde – typisch Bully – von diesem fluffig weichen Wäscheberg magisch angezogen und komplett verschlungen. Während in der Foundation Endzeitstimmung ausbrach. Siggi war plötzlich weg. Das Grundstück wurde abgesucht. Räume durchforstet. Zäune abgelaufen. Straßen abgefahren. Ich sag euch, eine riesen Shitshow. Wie sollte man eine Vermisstenanzeige zu Siggi schreiben? Riesige Werwolfratte auf der Flucht. Nicht anfassen, nicht ansprechen, nicht atmen? Wird sich was Weiches zum Schlafen suchen, lassen Sie nichts offen stehen und … Moment mal … Weiches zum Schlafen …
Drei Decken aus dem Wäscheinferno angehoben und da lag er. Eingekringelt wie ein Eichhorn mit dämonischer Besetzung …
Ein großartiger Tag und auch Grundlage für graue Haare …
Und was soll ich sagen: Siggi hat hier Freunde gefunden, er geht gerne spazieren, er liebt diese dicken, flauschigen Hundeflocken zum Schlafen und vor gut zweieinhalb Jahren wollte ihn ein Arzt in der Tierklinik einschläfern, weil er A) nicht so kooperativ, dafür aber sehr gewaltbereit war, weil man ihn ja unbedingt zur Begrüßung ansprechen musste und gleich anstarren, und 😎 während der OP, bei der ein verwucherter Polyp aus seinem Ohr entfernt wurde, im Kontrollröntgen komplett verkrebst war. Lunge, Leber und wohl auch die Milz waren betroffen.
Siggi ging es zu dem Zeitpunkt wirklich nicht gut. Er war mager, sein Ohr tat weh und ich kassierte mir einen Anschiss vom Arzt, wie unvernünftig das sei, ihn aufwachen zu lassen, und im Nachgang von Siggi, weil ich ihm nichts geben durfte, als er nach Hause kam.
Na ja. Ich sag’s mal so: Wir haben dann erstmal mit der Tatsache gelebt, dass Siggi uns wohl bald verlässt. Ich hab ihn mit zu mir in die Wohnung (diese befindet sich in der Foundation) genommen, damit er auch nachts direkt Hilfe bekäme, wenn was wäre. Und haben ihm eine schöne Zeit gemacht – 1 Monat, 2 Monate, 3 Monate. Und anstatt schwächer zu werden, nahm er zu, anstatt beschwerlichem Gang folgte beste Kondition und die gewohnte, kaum vorhandene Empathie, wenn es um andere ging. Ein halbes Jahr war ich Siggis Sparringpartner, komplett verblendet vor Sorge, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben und ggf. doch Leid zu verursachen. Krebs kann ja sehr tückisch sein … aber nein. Ganz und gar nein. Siggi ging es gut. Er war regelrecht genervt von der ganzen Fürsorge. Davon, dass er morgens erst später runter durfte, um dem Trubel beim morgendlichen Hundefüttern nicht ausgesetzt zu sein … und damit auch später zum Frühstück zu kommen. Kurzum: Siggi war komplett genervt von mir und ich machte einen Termin beim Haustierarzt, um zu schauen, ob die Tumore sich verändert hatten, und kam aus dem Röntgen etwas sprachlos wieder raus, denn da war nichts. Also Organe und sogar ein Herz, aber sonst eben nichts. Kein Schatten, kein Knoten, keine Umfangsvermehrung. NÜSCHT.
Angeforderte Bilder aus der Klinik von damals bekamen wir nie, was Siggis Verurteilung zum Tode auf Grund A) reduzierte: unkooperativ und gewaltbereit. Ja Leute, aber das ist doch bekannt. Deswegen trägt er ja auch einen Maulkorb im Kontakt mit Menschen und wird nicht einfach von irgendwelchen Nudeln zum Gassi oder Tierarzt rausgeschickt. Und letztlich hat er damals den Arzt angeschrien und fixiert, aber eben keine einzige Schramme hinterlassen, weil wir ihn ja nun mal kennen.
Ich weiß, dass Siggi sicherlich anders ist und einem kalt wird, wenn er einen ins Visier nimmt und sein wirklich schriller Gesang startet. Aber Maria Carrey macht das jede Weihnachten und keiner heult rum.
Also mal schön aufm Teppich bleiben. Siggi ist gut drauf, hat jetzt auch einfach schon 13. Er ist der beste Freund von unserem Maremano Remus und gehört hier in die Foundation wie das Amen in die Kirche. Er ist sicherlich kein einfacher Hund. Aber einer, der keine Zwänge mehr hat, der seine Flocke und sein Futter liebt, der spielt und in der Sonne ratzt und auch hier und da wieder wirklich gerne was mit Menschen zu tun hat, wenn sie keinen Kittel tragen.
Also freut euch, denn der Siggi lebt – und das nicht in eurer Nachbarschaft, sondern hier, und dadurch ist dieser Teil der Welt ein sehr friedlicher Ort.
Und nu … ab an die Arbeit.
Ps: Siggi sucht noch Paten 🤘🏼
