Let the Games begin

Eigentlich sollte hier der Jahresrückblick stehen…eigentlich … aber wie heisst es so schön? Leben ist das was passiert während du planst…

Und manchmal schreibt das Leben Geschichten, die weit ab von all den Weisheiten über das Glück „Leben mit Hund“ liegen, die man gerne zu lesen bekommt. Manchmal schreibt das Leben hier einfach Katastrophen und wir stehen schier hilflos daneben und versuchen zu kämpfen, um irgendwie doch alles wieder in Ordnung zu bringen….  Es kommen Hunde zu uns, die ihre Besitzer übel zugerichtet haben, die Gassigänger und Mitarbeiter beschädigt haben und es kommen Hunde, die ein Zwangsverhalten entwickelt haben, um diverses Leid einfach ertragen zu können.  Und dann kommen Hunde, die einfach beides tun und keiner ist wie der andere. Nie kann man sagen:“Ach, das ist ja wie der und der Fall und wir handeln jetzt so und so.“ Es gibt kein Schema F. Obwohl dies manchmal wünschenswert wäre, denn dann würde man in solchen Situationen, wie wir sie gestern erlebt haben, einfach nach Plan arbeiten.

Jo, …

Kam abgemagert mit Zwingerkoller und krassem Eintrag in der Kartei (Gassiegeher mehrfach angegriffen mit ernster Beschädigungsabsicht, 2 Jahre). Quasie die komplette Vollkatastrophe und Verfechter der Roundhouse Bite Strategie…

Let the Games begin.

Es dauerte eine Zeit aber dann gings in die richtige Richtung und Jo blieb nett und bekam mit unserem Ehrenamtler Jonas einen echten Kumpel. Sogar mit den Harten Hunden durfte er drehen und seine Hannibal Lecter Fassade bröselte vor sich hin.

Nun war Jo auf einem guten Weg, hatte zugenommen und man konnte stolz berichten 2 Jahre OHNE ZWISCHENFÄLLE ! Doch dann kamen Veränderungen in sein Leben, die er scheinbar einfach noch nicht hinnehmen bzw aushalten konnte.

Wie ihr demnächst in einem Jahresrückblick zu sehen bekommt, haben wir umgebaut. Eine bis Dato ungenutzte und zugestellte ans Haus angeschlossene Scheune wurde mit sehr krasser Verbissenheit vom harten Kern der Hellhounds ausgeräumt, isoliert , neu verkabelt und mit Innenzwingern ausgestattet. Für jeden seinen eigenen Bereich, mit Box, Körbchen und allem, was es braucht. Dachten wir….

Denn Jo brauchte diese Erinnerung scheinbar nicht. Er hatte wieder Stress, Stress damit in einem Zwinger zu leben der zwar Freiraum bot, ihn aber mit Zellengenossen und dem Stress im Leerlauf gefangen zu sein, konfrontierte. Gefangen in seinen Erinnerungen und gefangen in seinem Stress. Er ffing wieder an Gewicht zu verlieren. Nessy gab ihr bestes das auszugleichen, aber manchmal ist der Stress so groß, dass man ihn eben nicht einfach sofort wieder eindämmen kann. Schlussendlich nahm sie ihn mit ins Haus, mit aufs eigene Sofa, doch Jo begann noch in der folgenden Nacht zu erbrechen und schwach zu werden. Nein, das war nicht mehr hinzunehmen ,es war 3 Uhr morgens als Nessy und Ehrenamtlerin Anja in die Tierklinik aufbrachen. Dort stellte sich heraus, dass es ein Magen-Darm Verschluss durch einen verschluckten Fremdkörper vorlag.

Mann Jo, wie hast du das bloß hinbekommen?

Also, direkte Not OP. Und was dann das Übel war, das macht alle sprach- und auch irgendwie fassungslos,weil uns die Antwort auf das verdammte WARUM fehlt.

Jo hatte ein Stück seiner Decke gefressen. Warum, wieso, wann? Wir wissen es nicht. Natürlich kommt es öfters mal dazu, dass unsere Hunde ihre Decken zerfetzen. Aus den diversesten Gründen. Aber fressen? Da hatten wir keine Anzeichen für. Die Chancen standen nicht gut,aber natürlich wurde ALLES versucht.
Am Mittag dann die Nachricht, die OP hatte er schon mal überlebt. Was haben wir gebangt. Für Nessy war in der Nacht an Schlaf nicht zu denken. Immer der Gedanke an Jo und ein eventueller Anruf der Tierklinik.
Aber es muss den Tag über weiter gehen, die Hunde können sich nicht alleine versorgen.

Am 31.12. sind Nessy und Swantje morgens in die Klinik gefahren. Jo hob bei Nessy´s Anblick den Kopf, die Rute wedelte leicht. Er kam raus aus der Klinik Box, legte sich neben sie, genoss ihre Streicheleinheiten und in seinen Augen lag Vertrauen. Man konnte die Bindung spüren. Da lag nicht nur ein Höllenhund. Schon um 9 Uhr morgens zeichnete sich ab, dass sich Jo’s Zustand verschlechtert. Sein Gesicht schwoll an, aber Nessy schaffte es ihm ein wenig Nahrung und Flüssigkeit zu geben, so dass immer noch ein Funke Hoffnung bestand.
Kurz nachdem wir zurück waren, kam der Anruf, dass Jo’s Blutwerte schlechter wurden. Es musste eine Bluttransfusion her.
Ok, wir haben genug Hunde, die dafür in Frage kommen. Unter 8 Jahren, nicht aus dem Ausland, durchgeimpft und, wenn möglich, um die 25 kg.
Die erste Spende gab unsere Erna ab. Blutbild ok, Blutgruppe positiv. Perfekt…. Dachten wir. Denn dann nahm ein Tag seinen Lauf, den wir so schnell nicht vergessen werden und den wir alleine niemals gewuppt hätten.

Hier gleich ein riesengroßes und herzliches Dankeschön an unsere ehrenamtlichen Helfer, die gestern einfach alles gegeben haben, für Jo. Die Hunde mussten betreut werden, die Kids beschäftigt und es musste gefahren und gemanaged werden. Denn es blieb nicht bei diesen 2 Fahrten. Bis abends um 22:30 haben wir die verschiedensten Hunde in die Klinik gebracht, um Jo weiteres Blut zu verschaffen. Positiv musste es sein. Sollte nicht all zu schwer sein laut der Ärzte, denn die Blutgruppe Negativ kommt seltener vor. Aber „böse“Hunde sind nun mal in jeglicher Hinsicht negativ ..lach* und so kam es, dass so ziemlich jeder weiteren Hund, den wir testen lassen haben, Blutgruppe negativ war.Was zur Hölle ?! Zum Haare raufen!Das kann doch alles nicht wahr sein. Sobald die Ergebnisse da waren, wurden die in der Foundation verbliebenen Helfer informiert und die nächsten Hunde bereit gemacht. Was ein „Wahnsinn“. Um 21:15,dann die Erlösung, dass wir einen passenden Spender bieten konnten. Immer noch war die Hoffnung da. Nachdem wir dann alle zusammen saßen und eigentlich grade irgendwie anfangen wollten zumindest mal etwas zu essen ( gegen halb 12 Uhr), kam der Anruf, der Anruf den keiner erhalten wollte. Es wurde still im Raum und an Nessy´s Gesicht konnten wir sehen, was passiert ist. Jo hatte es nicht geschafft.
Es standen Tränen in den Augen und an wirklich Stimmung war nicht zu denken. Das Ärzteteam aus Munster dass uns in jedem noch so kniffeligen Fall rund um die Uhr zur Seite stand und jede Seele in der Foundation waren traurig, enttäuscht , verwundet. Hey Jo, es tut uns so leid, wir können nur hoffen, dass du irgendwie mitbekommen hast, dass es da viele Menschen gab, die um dein Leben gekämpft haben und dich geliebt haben! Nicht nur wir, sondern auch die Mitarbeiter der Klinik. Auch hier ein Dankeschön. Auch wenn es euer Job ist, wenn ihr Notdienst habt, so ist es dennoch Zeit dafür, denn auch ihr kämpft für unsere Höllenhunde!

Nessy: Es ist ungerecht dass unsere Hunde die durch jedes Raster fallen laut Gesetz genauso gehandhabt werden müssen, wie ein normaler nerven starker Hund aus dem Tierschutz! Ich sehe keinen Sinn darin Hunde in Blickkontakt zueinander zu stellen die Artgenossen nicht leiden können oder sich von anderen Hunden bedroht fühlen. Für uns gab es Anfang des Jahres aber genau diese Auflagen und so wichen die selbstgebauten Boxen aus den Gruppenräumen starren Zwingerelementen und die Ruhezeiten verfielen dem Chaos, das die Hunde hier nun veranstalten, wenn sie frei in ihren Zwingern durch die Gitter aneinander geraten und Feindschaften aufbauen.

Es gibt hier Hunde die bereits aus solchen Situationen in Tierheimen kommen und dieser Atmosphäre nicht mehr standhalten… psychische Störungen und schwer aggressives Verhalten resultierend aus der Verzweiflung heraus nun mit den alten Geistern kämpfen zu müssen verlangt diesen Hunden alles ab und bedeutet für manch einen das Ende…so auch für Jo. Und Jo auch wenn dich über zwei Jahre kein Mensch adoptieren wollte und wir dich am Ende „verraten“ haben … lass dir eins gesagt sein – ich werde dich nie vergessen und all das ist nicht umsonst geschehen wir gehen weiter für Euch durch Tierheime und Ämter und versuchen Umdenken und Verbesserungen zu bewirken und HIER wird kein Hund mehr hinter Gitter gestellt die er nicht aushält!