Chinges

Rasse American Stafforshire Terrier x Boxer
Geburtsdatum 04.09.2016
Geschlecht männlich kastriert
Farbe braun/ beige, weiße Abzeichen

Es gibt Tage da geh ich hier ungern ans Telefon. Manchmal ist das auch 2 bis 3 Tage hintereinander so. “Entscheidungen treffen, Entscheidungen leben“, murmel ich dann etwas selbstgerecht vor mich hin, wenn ich zum dritten Mal die selbe Nummer auf dem Display sehe und es bei Seite schiebe. Ich will nicht wissen wie viele Milliardäre, die mir ihre Geldspeicher schenken wollten und endlich mal einen Urlaub in den Malediven, ich so schon habe abblitzen lassen. Aber hey! Entscheidungen treffen…usw. Meist gehe ich aber auch nicht ran, wegen einer Vorahnung, dass sich bereits in der ersten Gesprächsminute mein universal großes Archiv an gesammelten Wahnsinnsstorys aus der Hundewelt um eine weitere Story füllen würde, der Himmel über mit in grellem Licht aufbricht und Gottes Finger auf mich herab zeigt und in tiefer verhallender Stimme sagt:“ Hilf diesem Hund denn sie wissen nicht was sie tun!“….

Na ja gut also ganz so dramatisch ist es nicht, meist stehe ich mit zugekniffenen Augen da und unterdrücke jegliche Emotion …aber auch hier- im Grunde mache ich den Job gerne und niemand hat mir untersagt wahlweise Jeans im H&M zu falten. So kam Chinges zu uns. Hausbesetzer, Hundetrainer Versuchstier und natürlich im Staffkostüm. Chinch lebt jetzt ein knappes Jahr hier, weil er seine Familie nicht mehr ins Wohnzimmer rein lassen wollte…5 Tage lang …am 3ten bin ich aber ans Telefon gegangen. Der kleine Hausbesetzer hatte die Schnauze voll. Hundetrainer hatte er schon ein paar verschlissen. Original mal wegen einer ausgeprägteren Futteraggression (Ressourcenverteidigung) und später wegen einer immer schlimmer werdenden Statusaggression.

 

In Chinges Fall war es nämlich so, dass je ratloser und, auf Anweisung der Trainer hin, experimentierfreudiger seine Familie wurde, desto mehr kam Chinch zu dem Entschluss, dass diese eben nicht weiß was sie will und was gut für sie ist und er dies ab jetzt entscheidet. Typisch für einen Chef ist aber nun mal das Großraumbüro, also musste das Wohnzimmer herhalten. Auch hatte unser Warlord mit dem Umstand zu kämpfen, dass der letzte Besuch bei einem wieder rum neuen Trainer damit endete, dass er wenn er sich seinen Familienmitgliedern gegenüber wegen Futter o.ä. aggressiv verhielt, an einem Baumstamm hochgezogen und nahezu stranguliert wurde. Die Familie brach das Training zwar ab, aber passiert ist nun mal passiert und wir sollten uns mal davon verabschieden zu glauben, dass Hunde gut im Verzeihen sind. Sie nehmen viel mehr wahr als wir, so scheint es und erkennen auch unsere Emotionen und unseren Geruch in einer derartigen Lage, sodass sie im Bilde sind sobald wir uns an das Geschehene zurückerinnern und sich dann ebenfalls entsprechend angespannt zeigen.

 

Er verschanzte sich und setzte damit auch dem Trainerhopping einen Stop. Als wir ankamen um ihm aus seiner Lage heraus zu helfen ( Immerhin hatte er auch seine Notdurft in seinem Regierungssitz verrichtet und es lagen überall Leckerli und andere verzweifelte Bestechungsversuche umher), fanden wir einen verstört knurrenden und Scheinattacken fahrenden Listenhund mit riesigen Pupillen vor, der damit ein monströses Bild seiner Selbst zu kreieren versuchte. Nicht weniger fassungslos stand diese monströse Erscheinung da, als ich ihm eine Leine über den Kopf warf und ihn mit nach draußen nahm. Er sprang ohne weiteres ins Auto und kam mit, vermutlich verwirrt.

 

Manchmal ist ein krasser Bruch mit dem alten und ein abrupter Neustart sehr heilsam. Chinch lebt hier in einer Gruppe. Er läuft auch frei zwischen Besuchern der Foundation umher und am liebsten hängt er mit uns in der Küche ab. Hier können wir ihn manchmal auch streicheln, oft entzieht er sich aber der direkten Nähe. Er ist lieber einfach dabei. Beobachtet und lernt ehe er wieder etwas zulässt, was ihm nachher schadet.

Seinen Maulkorb können wir ihm drauf ziehen indem wir einfach hin gehen und dies tun. Ohne Ansprache, ohne Leckerli ohne weitere Wertung. Denn alles andere kennt er aus den Hundeschulen und er wird definitiv aggressiv reagieren. Was wahnsinnig toll ist, ist seine Contenance bei anderen Hunden und Tieren im allgemeinen. Er ist wie ein Big Daddy mit einer, wie es scheint, endlosen Zündschnur . In einer Menschen freien Zone legt er ein völlig sauberes und wirklich tolles Sozialverhalten an den Start und hat ein Gemüt wie ein Bär.

Im Bezug auf Menschen geht dies nicht. Die Arbeit mit ihm erfordert vor allem Geduld und Zeit. Menschen die es gut mit ihm meinten haben ihn verarscht , egal ob nun eingesehen oder nicht, Chinch gibt sein Ruder nicht mehr so schnell aus der Hand. Für solche Hunde ist ein zu Hause wichtig, welches verstanden hat, dass die Absicherung über einen gut sitzenden Maulkorb nicht nur die ersten zwei Wochen gelten „bis man sich eben kennt“, sondern in sämtlichen Phasen des Lebens immer wieder gebraucht wird.

Auch würde ein Hund wie Chinges abverlangen, dass man ihm und seiner Problematik den Raum gibt auch mal mürrisch zu sein, nicht zu akzeptieren, dass man ihn jetzt anfassen will und dass es im Alltag, JA auch dann wenn man es grade eilig hat, und vorallem dann zu Konflikten, zu Blockaden und zu Rückschritten kommt und wenn man ihn übergeht in der Hast eben auch zu Angriffen.

 

Chinges die Welt vorzutrainieren oder mit Keksen schön zu werfen ist raus, das Einzige was hilft ist Zeit, Raum und Nerven. Er muss eben gehandelt werden, ohne das jemand künstliche Trainingssituationen herstellt. I mean come on! Der Junge ist 5 Jahre alt und lebte und regierte mal eine ganze Menschenfamilie. Er weiß wie die Welt aussieht und wie sie funktioniert. Er lässt sich nur nichts mehr von Liebe erzählen, denn diese hat ihm ihre hässlichste Fresse gezeigt. Und klar, er fühlt sich hier wohl und wenn wir könnten würden wir ihn behalten ABER Leute, wer rastet rostet. Für Chinch muss es weiter gehen.

Sein Traum zu Hause ist nämlich rein zufällig nicht die Gruppenhaltung in der Hellhound Foundation und auch nicht die Kaffeerunden in Hells Kitchen. Wir wünschen uns eben einfach mehr für ihn und wollen nicht glauben, dass es da draußen nur noch Menschen gibt die einen Hund nur dann übernehmen, wenn er ihre eigenen Bedürfnisse befriedigt . Also her mit den Menschen die auch mal einer geschundenen nd dennoch oft undankbaren Seele eine Chance geben. Der Junge hat s verdient !

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